| Speyer
und sein städtebauliches Erscheinungsbild Ursprung und Geschichte der Stadt Speyer stehen in engem Zusam- menhang mit ihrer geographischen Lage am Rhein und an der ihn begleitenden, schon in der Antike bedeutenden Handelsstraße zwi- schen Basel und Mainz. Die Kernstadt liegt auf einer ausgedehnten Niederterrasse, die sich nach Osten bis weit in die Flußaue vor- schiebt, gegen die sie mit einer Böschung abfällt. Im Westen stößt die Niederterrasse an den Hang der Hauptterrasse, die allmählich gegen die Haardt hin ansteigt. Die Kulturgeschichte des Stadtgebietes reicht bis in die Zeit der keltischen Mediomatriker zurück, die in der 2. Hälfte des vorchrist- lichen Jahrtausends hier ein oppidum anlegen. (Es wird unter dem Namen Noviomagus - Neustadt - von dem griechischen Geographen Ptolemäus um 140 n. Chr. erwähnt.) Unter den Römern, die noch vor Christi Geburt hierher kommen - das genaue Jahr steht nicht fest - und die germanischen Nemeter hier ansiedeln, entstehen im Bereich der vormaligen Keltensiedlung um und nach Christi Geburt nachein- ander zwei Militärlager und ein größeres Kastell. Daneben gibt es schon eine ausgedehnte Zivilsiedlung; sie erlebt als Civitas Nemetum im 2. Jh. n. Chr. eine Blütezeit, ehe sie im Jahre 275 zusammen mit dem ganzen Umland durch Alemanneneinfälle zerstört wird. Zu Anfang des 4. Jhs. erfolgt ein Wiederaufbau der Siedlung. Für das Jahr 343 ist bereits ein Bischof erwähnt. 352 zerstören die Alemannen die Siedlung erneut; daraufhin baut man um 370 im Dombereich eine Festung, von deren Mauern Reste erhalten sind. Im Jahre 406 setzen Vandalen, Alanen und Sueben über den Rhein und verwüsten auf ihrem Weg ins innere Gallien, auch Speyer. Die auch in der Folgezeit aus dem rechtsrheinischen Gebiet vordrängenden Germanen veran- lassen die Römer, Speyer zu räumen. Am Ende des 5. Jhs. schlägt der Frankenkönig Chlodwig die Ale- mannen und führt das Christentum als Staatsreligion ein. Speyer kommt unter fränkische Oberhoheit. Im Verlauf des 6. Jhs. wird hier wieder gesiedelt, jedoch nicht im vormals römischen Siedlungskern, sondern weit außerhalb. Im Nordwesten vor der römischen civitas entsteht (beim heutigen Bahnhof) die fränkische Siedlung Altspeyer, die später Vorstadt wird; im Südwesten bildet sich der später abge- gangene Ort Winternheim. (...) Speyer wird Sitz eines Gaugrafen, der von hier aus die Herrschaft über den Speyergau ausübt. Damals tritt der neue Name Spira neben die älteren Bezeichnungen Noviomagus und Civitas Nemetum. Seit der Wiederbegründung des Bistums um die Mitte des 6. Jhs. entwickelt sich Speyer zu einem Sammelpunkt geistlicher und weltlicher Macht. Die Speyerer Kirche wird im 7. Jh. mit Erträgen der Königsgüter aus dem Speyergau begabt und von der Besteuerung durch den Gaugrafen ausgenommen. Seit der Karolingerzeit existiert hier eine Königspfalz. Karl der Große weilt mehrmals in Speyer. Ludwig der Fromme hält hier Hof. (Sein Hoflager im Jahre 838 zählt als der erste Reichstag in Speyer. Insgesamt finden bis 1570 50 Reichstage hier statt.) Obgleich Speyer als einzige Stadt in der Pfalz auf eine römerzeitliche Siedlung zurückgeht, gibt es hier keine Weiterführung der antiken Topographie in der Zeit des frühen Mittelalters (sieht man einmal davon ab, daß die Straßenachse Kleine Pfaffengasse - Ludwigstraße sich mit der Hauptstraße in römischer Zeit deckt). Die frühmittelal- terliche civitas war im Südteil der Hochufernase über dem Rhein an- gesiedelt, im Süden und Osten durch den natürlichen Verlauf des Hochufers begrenzt, nach Westen und Norden durch ein Wallgraben- System eingefaßt. (...) Die Förderung Speyers durch Kaiser und Könige in karolingischer Zeit wird auch unter den Ottonenkaisern fortgesetzt. 946 erhält der Bischof von Konrad dem Roten, dem Schwiegersohn Kaiser Ottos des Großen, das Münzrecht, 969 von Otto selbst die ausschließliche Gerichtsbarkeit in der Stadt und der Vorstadt (Altspeyer) verliehen. Mit diesem Immunitätsprivileg wird der Bischof Stadtherr mit allen Rechten, die den Zoll, den Markt, die Münze und die Stadtbe- festigung betreffen. Diese um und nach der Mitte des 10. Jhs. getroffenen Festlegungen bilden die Grundlagen für die Entwicklung zur Stadt. nach oben Nach außen zeigt sich dieser Neubeginn der mittelalterlichen Stadt im Bau einer Stadtmauer, die erstmals im Jahre 969 erwähnt wird und um die Mitte des 10. Jhs. entstanden sein dürfte;(...) die neue steinerne Befestigung bindet die bis dahin bestehenden verschiede- nen Bezirke (Domhügel, Bischofsstadt, Markt, Königspfalz) zu einer Einheit zusammen. Mit dieser Mauer wird die Stadt als ein be- sonderes, eigenverantwortlich geführtes Territorium aus dem Umland herausgehoben und erfährt mit den neuen Privilegien und Rechtsver- bindlichkeiten von nun an eine eigene Struktur, die sich auch in der Topographie niederschlägt. Naturgemäß haben sich diese Ver- änderungen gegenüber dem Umland erst in einem längeren Prozeß vollzogen, in dem aus den vorstädtischen Verhältnissen ein städtisches Gefüge wurde. Mit den nötigen Vorbehalten läßt sich die in den 980er Jahren durch den geistlichen Dichter Walther von Speyer ausgesprochene Benennung Speyers als einer »Kühstadt« als Charakterisierung der damals noch stark ländlich geprägten Stadt verstehen. Ihr steht in der 1. Hälfte des 12. Jhs. die Benennung Speyers als »Hauptstadt Deutschlands« durch den englischen Mönch Ordericus Vitalis gegenüber. In diesem Zeitraum vom späten 10. Jh. bis um die Mitte des 12. Jhs. wächst Speyer zur Stadt von zentraler Bedeutung heran und wird vornehmlich unter den Saliern und den frühen Staufern ein herrschaftliches Zentrum des Deutschen Reiches. Sichtbarer Ausdruck dessen sind der Bau des mächtigen Kaiserdoms (um 1030) auf dem Domhügel im Osten der Stadt, des St.-Guido-Stiftes (um 1030) im Nordwesten und des Allerheiligen- Stiftes (um 1040) im Südwesten sowie die mit diesen Bauten in engem städtebaulichen Zusammenhang stehende Ausdehnung der ummauerten Stadt.(...) Zusätzlich zu diesem ummauerten Gebiet, das der heutigen Kern- stadt entspricht, bildet sich noch in der 1. Hälfte des 12. Jhs. westl. vor dem Altpörtel eine Vorstadt (suburbium), die bis zur außerhalb liegende Ägidienkirche reicht. Das Stadtgebiet vergrößert sich so zwischen 1050 und 1150 auf fast das Zehnfache (von ca. 8 ha auf ca. 70 ha). Durch die Verbindung der drei Stiftskirchen entsteht das charakteristische, auf den Dom radial ausgerichtete Straßensystem mit der großen westöstl. Mittelachse, der heutigen Maximilianstraße, zwischen Dom und Altpörtel. (...) Wir wissen, daß sich die Bevölkerungsstruktur vom 10. bis zum 12. Jh. wesentlich verändert. Aus der vormals überwiegend bäuer- lichen entwickelt sich eine städtische Einwohnerschaft. Neben den Dienstleuten der kirchlichen und weltlichen Herrschaft bilden nun Handwerker und Kaufleute einen Großteil der Bevölkerung. Die ge- sellschaftliche Umschichtung wird seit dem Anfang des 12. Jhs. durch fundamentale kaiserliche Privilegien gefördert. Wenngleich sich der Kaiser im Zusammenhang mit dem Investiturstreit damals auch anderswo gegen die Macht des Bischofs der standhaften Treue der Bürger versichert, sind seine Entscheidungen in Speyer doch von besonderer Tragweite; sie entlasten nicht nur die Bewohner, sondern befreien sie vor allem aus älteren Abhängigkeiten gegenüber dem Bi- schof und ermöglichen auf diese Weise die frühe Ausbildung einer städtischen Bürgerschaft mit eigenen Rechten. Schon um 1190 er- halten die Bürger das Recht, einen zwölfköpfigen Rat aus ihrer Mitte zu wählen. 1220 sind der damals als »universitas consiliariorum« benannte Rat und die Ratsverfassung als kommunale Institution ge- festigt. Damit gehört Speyer zu den ersten Städten auf dem Weg zu kommunaler Selbstverwaltung. Die Entwicklung in Speyer während des 12. und 13. Jhs. bringt eine zunehmende Einbuße der bischöflichen Herrschaftsbefugnisse mit sich und führt zu heftigen Konflikten zwischen Bischof und Stadt. 1286 muß der Bischof auf Anweisung von König Rudolf v. Habsburg Stadt und Bistum Speyer verlassen, 1294 kommt es zu einer Regel- ung, mit der der Bischof auf die meisten seiner früheren Rechte verzichtet und die Stadt zur Freien Reichsstadt erhoben wird (wenn- gleich ihr dieser Titel nie förmlich zuerkannt wird). nach oben In den Auseinandersetzungen um die Stadtfreiheit hat sich das städ- tische Patriziat, vornehmlich die Münzer und Hausgenossen, die aus dem bischöflichen Verwaltungsdienst hervorgegangen sind, beson- ders engagiert. 1289 stellen die Patrizier das von ihnen errichtete Gebäude der Münze dem Stadtrat als Amtssitz zur Verfügung. Zu Anfang des 14. Jhs. drängen aber die Zünfte in den Rat; sie er- reichen schließlich, daß auch die Münzer und Hausgenossen sich der Zunftordnung anschließen. Von 1349 an wird der Stadtrat aus- schließlich durch Zunftmitglieder besetzt.(...) Speyer hat sich in der Zwischenzeit weiter vergrößert. Um und nach 1200 ist hier wie im gesamten Abendland ein stärkerer Anstieg der Bevölkerung zu verzeichnen. Wie anderswo kommen im Zusam- menhang damit im 13. Jh. auch die Bettelorden nach Speyer, die hier vier Klöster gründen. Im frühen 13. Jh. kommt auf der Nordost- seite die Vorstadt überm Hasenpfuhl mit dem Zentrum des St.- Magdalenen-Klosters zur Stadt hinzu, bald darauf im Süden die Fischer- oder St.-Markus-Vorstadt, die sich beiderseits der Straße zur außerhalb liegenden St.-Markus-Kirche und entlang der heutigen Steingasse, die zum Fischertor führt, bildet. Die Vorstädte werden im 13. und 14. Jh. ummauert. Die großräumige Ummauerung der Stadt und ihr wirtschaftlicher Auf- schwung als Handelszentrum begünstigen den Anstieg der Bevölke- rung. Um 1300 hat die Stadt etwa 5000 Einwohner. (...) Wie in anderen rheinischen Städten (Mainz, Worms) kommt es zu Beginn des 15. Jhs. in Speyer zu heftigen Kontroversen zwischen dem Rat und dem Bischof, der sich um die Wiederherstellung seiner einstigen stadtherrlichen Rechte bemüht. (...) Die Auseinander- setzungen, die teilweise mit Waffen ausgetragen werden, ziehen sich länger hin. Sie bewirken einen politischen und wirtschaftlichen Niedergang der Stadt, der auch durch den Wegzug vieler Einwohner begleitet wird. Der mit einem Privileg von König Sigismund erfolgte Bau der Speyerer Landwehr fällt in diese Epoche. Durch die erhebliche Besteuerung der Bürger versucht die Stadt, ihre Verschuldung zu reduzieren. (Auch die Mönche der vier großen Bettelordensklöster werden 1430 als steuerpflichtige Bürger der Stadt veranlagt.) Die in den Jahren 1426, 1436 und 1439 auftretende Pest trägt ein übriges zur Verringerung der Bevölkerung bei. Seit 1443 ist Speyer in einen Schutz- und Schirmvertrag mit dem pfälzischen Kurfürsten eingebunden; gegen Ende des 15. Jhs. beruhigt sich die lange angespannte Situation, gewinnt die Stadt auch wirtschaftlich wieder an Bedeutung. Die allgemeine Bevölke- rungsfluktuation um und nach 1500 kommt auch Speyer zugute, das eine hohe Zuwanderung verzeichnen kann. Sie wird durch die hier abgehaltenen Reichs- und Städtetage und die Wahl Speyers als Standort der beiden höchsten Reichsbehörden gefördert: Auf dem Reichstag des Jahres 1526 wird die Verlegung des Reichskammer- gerichtes und des Reichsregimentes nach Speyer beschlossen. (Ersteres bleibt von 1527 bis 1689 hier, letzteres nur von 1527 bis 1530.) Der Reichstag von 1529 schließt mit der Protestation für die Glaubensfreiheit des einzelnen, ist damit die Geburtsstunde des protestantischen Glaubens und eine Entscheidung von gesamt- abendländischer Bedeutung. Weitere wichtige Reichstage finden 1542, 1557 und 1570 in Speyer statt. Im Laufe des 16. Jhs. wächst die Bevölkerung von etwa 7000 auf etwa 8000 Einwohner. Im Zusammenhang mit den neuen repräsen- tativen Einrichtungen wird im 16. Jh. viel gebaut. Man darf davon ausgehen, daß das Straßensystem sowohl wie auch die Parzellierung schon lange bestanden und keine Veränderungen mehr erfahren. Dagegen werden wohl jetzt die Lücken in den Häuserzeilen ge- schlossen, ältere Häuser aufgestockt oder abgerissen und durch höhere ersetzt. nach oben Das Bild der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt steht als ältestes Stadtbild klarer umrissen vor uns, weil nun zu den einzelnen urkundlichen Nachrichten erstmals bildliche Darstellungen hinzukommen. Die sehr wehrhafte Stadt mit den massiven Mauer- ringen und den hoch aufragenden 68 Mauertürmen beeindruckt den Besucher schon um 1500, als etwas ganz außergewöhnliches aber auch noch viel später: 1608 schreibt der Engländer Thomas Coryate, die Mauertürme seien so hoch wie in England die Kirchtürme. Das Bild der turmbekrönten Stadt in der Rheinebene ist in verschiedenen Ansichten festgehalten. Wenn Alvise Mocenigo, der Botschafter der Republik Venedig, im Jahr 1548 Speyer als eine der hervorragendsten deutschen Städte charakterisiert, so gilt dies wörtlich gewiß ebenso wie im übertragenen Sinn. Schon um 1500 wird in der Reisebe- schreibung des Kaspar Bruschius die besondere Höhe der Bürger- häuser hervorgehoben. Wir dürfen annehmen, daß im 16. Jh. die Häuser im Zentrum durchschnittlich drei bis vier Geschosse hoch waren, teilweise noch höher.(...) Von der Stadt des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit hat sich oberirdische nur wenig erhalten. Im 30jährigen Krieg (1618-1648) werden bei mehrfachen Belagerungen die drei vor den Haupteingäng- en der Stadt gelegenen Vorstädte zerstört (Gilgenvorstadt, Fischer- vorstadt, Altspeyer), nur die Hasenpfuhlvorstadt bleibt weitgehend unberührt. Auch der zumeist im domherrlichen Besitz befindliche Be- reich der beiden Pfaffengassen und der Webergasse wird in seinem Häuserbestand stärker zerstört. Am Ende des Krieges hat Speyer fast die Hälfte seiner Einwohner verloren. Das Bild der Kernstadt ist aber weitgehend erhalten geblieben. 1660 beschreiben zwei Besucher Speyer als »ansehnliche Stadt mit breiten Straßen und vielen Häusern edler Leute geschmückt, aber von sehr alter Bauweise«, womit zweifel- los der Fachwerkbau gemeint war. (W. Hartwich, Speyer von 1620 - 1814. In: Geschichte der Stadt Speyer, Bd. 2, 1983, S. 33.) Die Stadt hat sich noch nicht vom 30jährigen Krieg und seinen Folgen regeneriert, als sie 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg von französis- chen Truppen fast ganz zerstört wird. Kein Bauwerk bleibt unbetroffen. Nur wenige Teile von steinernen Bauten, hauptsächlich von Kirchen, überstehen die Katastrophe. Allein die meisten Keller bleiben ver- schont und auch beim Wiederaufhau der Stadt erhalten. Aus welchen Epochen sie im einzelnen stammen, ist nicht bekannt.(...) So geben die mächtigen Gewölbekeller seither nur eine vage Vorstellung von der Dichte und Größe der Bauwerke, die sie einst trugen. Der französische Kriegsberichterstatter Du Mont berichtet 1689: »Übrigens glaube ich nicht, daß irgendwo anders in der Welt so schöne Keller und dazu in solcher Zahl anzutreffen sind, als sie in dieser Stadt bestanden. Sie waren tief, geräumig und wohlgewölbt, mit großen Pfeilern im Innern, die die ganze Last der darüber erbau- ten Häuser trugen, wie auch der Straßen, bis unter die die Keller- räume immer hinausreichten.« (...) Die großen, zumeist tonnenge- wölbten, bei mehrschiffigen Anlagen kreuzgratgewölbten Keller aus der Zeit vor 1689 sind meistenteils bis heute erhalten. Die 1689 geflohene und weit verstreute Bevölkerung - der Stadtrat hatte in Frankfurt Asyl gefunden - kehrt nach dem Frieden von Ryswyk am 31. Oktober 1697, mit dem der Wiederaufbau von Speyer beschlossen wird, hierher zurück. Am 14. März 1698 ergeht der Aufruf zur Rückkehr und zum Wiederaufbau der zerstörten Häuser an die ehemaligen Bürger. Neubürger werden mit der Zusage einer 10jähr- igen Steuerfreiheit angeworben. Die Stadt selbst geht den Wieder- aufbau mit einer Regulierung der Straßen (...) und großen Bau- werken an: Es entstehen kurz nach 1700 das Rathaus und das Kaufhaus am Marktplatz, unweit davon als bedeutendster Bau des Stadtrates die Dreifaltigkeitskirche, wenig später die Heilig-Geist- Kirche. Beim Wiederaufbau werden offenbar mehrere Straßen begradigt, wie dies auch anderswo im 18. Jh. üblich ist (...). Es zeigt sich bald, daß die Zeit des politisch und wirtschaftlich be- deutenden, wohlhabenden und bevölkerungsreichen Speyer endgültig vorbei ist. Die Stadt hat auch am Ende des 18. Jhs. nicht mehr als 2800 Einwohner.(...) nach oben Nach der Zerstörung 1689 wird das Reichskammergericht aus Speyer nach Wetzlar verlegt, die Bischofsresidenz von Speyer nach Bruchsal. Damit hängt auch zusammen, daß der 1689 halb zerstörte Dom um 1700 nur in seinem Ostteil wiederhergestellt wird, der Westteil da- gegen bis weit in die 2. Hälfte des 18. Jhs. Ruine bleibt und erst nach 1773 wieder aufgebaut wird. Der Abzug eines Großteils der bischöf- lichen Verwaltung und des höchsten deutschen Gerichts in andere Städte erklärt auch, warum in Speyer die Häuser in den bevorzugten Wohnstraßen nördl. und südl. der Maximilianstraße nach 1689 nicht so rasch wiederaufgebaut werden wie in der Hauptstraße und daß die Straßen dann eine Umschichtung in der Struktur der Bewohner erfahren. 1714 liegt noch fast jeder zweite Hausplatz in Trümmern. 1730 ist (...) der größte Teil der Kernstadt wieder aufgebaut.(...) Das Ende des 18. Jhs. bringt in der Stadt wie im ganzen Reich einen wirtschaftlichen Niedergang, Massenarmut und eine weit verbreitete Unzufriedenheit. 1792 wird Speyer von französischen Revolutions- truppen erobert, vor denen zahlreiche Einwohner aus der Stadt ge- flohen waren. Die Revolutionäre plündern die Stadt, erklären alle bis- her gültigen Bindungen des Bürgers an die Obrigkeit für aufgelöst, beseitigen die Zünfte und den Stadtrat, enteignen die katholische Kirche und vertreiben den Klerus; der kirchliche Besitz wird als Nationalgut konfisziert. 1797 wird Speyer offiziell der französischen Republik einverleibt. Die Geschichte der Freien Reichsstadt Speyer ist damit zu Ende. Die Stadt zählt damals nur noch 2800 Einwohner. Als Kantonshauptstadt (Kreisstadt) und Sitz eines Unterpräfekten wird die Stadt von da an aber nicht weiter entvölkert, sondern erfährt schon in napoleonischer Zeit einen deutlichen Zuwachs; am Ende der Franzosenherrschaft, 1813, hat Speyer 6000 Einwohner. In den gut 20 Jahren Speyers unter den Franzosen erleidet die vor- malige Reichsstadt in ihrer baulichen Gestalt erhebliche Schäden (ganz abgesehen von der Zerstörung der kirchlichen Ausstattungen). Die Stadtmauern werden zum zweitenmal geschleift, der Dom und die Dreifaltigkeitskirche beschädigt; Franziskanerkloster und ehem. St.-Moritz-Stift werden abgebrochen, das St.-Guido-Stift in eine Krapp- mühle umgewandelt, mehrere Domherrenhöfe abgerissen, andere ver- steigert. Joseph von Eichendorff, der die Stadt 1807 besucht, bezeich- net sie als "ein rührender Trümmer alter deutscher Kraft und Herrlich- keit, die immer unbedeutender wird und bange Empfindungen erweckt". Es kommt in diesen französischen Jahren kein einziges Bauwerk von Bedeutung zur Stadt hinzu. Vielmehr werden umfassende Pläne aus- gearbeitet, die die Begradigung und Verbreiterung der Straßen vor- sehen und deren Verwirklichung die gewachsene historische Stadt als Ganzes zerstört hätte. 1812 wird dieses Unternehmen am nördl. Ende der Stadt begonnen; die Wormser Landstraße zwischen der ehem. Diebsbrücke am Nonnenbach und dem St.-Guido-Stifts-Platz wird in eine Avenue umgewandelt. Der weitere Kahlschlag in der Stadt, für den die Pläne vorliegen, wird durch das Ende der Franzosenzeit in Speyer im Jahre 1813 verhindert. Die Kämpfe zwischen Alliierten und Franzosen enden für Speyer mit deren Abzug am 31. Dezember 1813. Speyer wird nach einer kurzen bayerisch-österreichischen Übergangszeit nach dem Willen der euro- päischen Großmächte mit dem Münchner Vertrag von 1816 bayerisch und Regierungssitz des damals gebildeten bayerischen Rheinkreises, der 1832 in Pfalz umbenannt wird. Der neue Rang als Kreishauptstadt im bayerischen Königreich verhilft der Stadt zu einem dauerhaften Auf- schwung in den verschiedensten Bereichen. So wächst z. B. die Bevölkerung zwischen 1815 und 1850 auf etwa das doppelte an.(...) Die Bautätigkeit wächst jedoch nicht in dem Maße wie die Bevölkerung. Es entstehen nach 1816 eine Reihe von öffentlichen Bauten, mit denen sich die neue Herrschaft in Speyer einführt (Kasernen, Schulhäuser, Postgebäude, Antikenhalle). Auch die 1818 beginnende Wiederher- stellung der Domkirche ist in diesem Zusammenhang zu nennen.(...) Nach Abschluß der Revolution von 1848 verbessert sich die Situation der Stadt zusehends. Mittel- und Oberschicht beginnen nun in die Wirtschaft zu investieren. Es kommt zu zahlreichen Firmengründungen, von denen sich die größeren mit ihren Produktionsstätten vor der Stadt ansiedeln. (Von diesen sind vor allem die zahlreichen Brauereiunter- nehmen zu nennen - 1868/1869 gibt es in Speyer 20 Brauhäuser -, für die ein Großteil des westl. der Bahnlinie ansteigenden Terrains mit ausgedehnten, z. T. mehrstöckigen Gewölben unterkellert wird; ferner die im Hafengebiet auf der alten Kranenwiese gelegenen Ziegelwerke.) Die Unternehmer bauen sich ihre Villen jetzt nahe an die Fabrikations- betriebe, d. h. ebenfalls außerhalb der Stadtmauern.(...) nach oben 1850 hat Speyer gut 10000 Einwohner. Bis etwa 1870 hält sich der Bevölkerungsanstieg in Grenzen, um danach um so schneller fortzu- schreiten: im Jahre 1900 zählt die Stadt mehr als 20 000 Einwohner. Seit den 80er Jahren schon dehnt sich die Stadt nach Südwesten aus, konstant, aber ohne ein stadtplanerisches Gesamtkonzept.(...) Kirchliche Zentren der dortigen gründerzeitlichen Stadterweiterung sind die prot. Gedächtniskirche (seit 1893) und die kath. Josefskirche (seit 1913), die in unmittelbarer Nachbarschaft stehen und mit ihren sehr hohen Türmen hier wie im Gesamtbild der Stadt herausragende Akzente setzen. Auch in der Innenstadt herrscht in der wilhelminischen Zeit eine rege Bautätigkeit, die sich vor allem öffentlichen Bauten widmet: 1892 Theaterbau im Ratbaushof, 1893 Roßmarktschule, 1893 prot. Konsistorium, 1901 Oberpostdirektion, 1902 Gymnasium am Kaiserdom, 1903 Landesversicherungsanstalt, 1903 Bezirksamt, 1907 Bischöfliches Ordinariat, 1910 Historisches Museum. Am Ende des 19. Jhs. bestehen in Speyer 51 Industriebetriebe mit nahezu 3000 Beschäftigten (ohne die kaufmännischen Angestellten); »die mangelhafte Unterbringung dieser besitzlosen Bevölkerungs- schicht führte für diese Kreise zur ersten Wohnungsnot in Speyer... Bisher hatte der Speyerer Stadtrat den Wohnungsbau vollkommen der Privatinitiative überlassen, wo er sich zu einem eigenen Wirt schaftszweig entwickelt hatte, der Rente bringen sollte. (...) 1910 beauftragt die Stadt einen Münchner Architekten mit der Ausarbeitung eines umfassenden Bebauungsplanes. (...) Mit den Siedlungen, in denen nahe der alten Stadt die Blockbauweise, weiter außerhalb die Reihenhausbauweise dominiert, vergrößert sich das bebaute Stadtgebiet ganz wesentlich und hauptsächlich nach Nordwesten. Der Siedlungsbau kommt in den 30er Jahren zu einem Abschluß. Ab dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 werden keine zivilen Wohnbauten mehr erstellt; auch sonst wird kaum noch gebaut. Speyer überlebt auch den Zweiten Weltkrieg ohne wesentliche bau- liche Schäden. 1946 wird aus Speyer eine kreisfreie Stadt unter fran- zösischer Besatzung im damals neu gebildeten Land Rheinland-Pfalz. Nach der Gründung der Bundesrepublik und der Währungsreform erlebt auch Speyer seit den frühen 50er Jahren einen lange anhalten- den Aufschwung auf den verschiedensten Gebieten, der auch eine neuerliche Ausweitung der Wohn- und Industriegebiete (vornehmlich im Norden und Süden der Stadt) mit sich bringt.(...) Quelle: Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz 1, Stadt Speyer, Schwann |
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